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Soutine

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Description

Chaïm Soutine (1893-1943), der unkonventionelle und umstrittene Maler aus Weißrussland, vereint Einflüsse der klassischen europäischen Malerei mit denen des Post-Impressionismus und des Expressionismus. Als Mitglied der Künstler aus Weißrussland, einer Gruppe innerhalb der École de Paris, schuf er ein Werk, das hauptsächlich aus Landschaften, Stillleben und Porträts besteht. Sein individueller Stil, der sich durch Humor und Trauer und den Gebrauch von leuchtenden Farben auszeichnet, machen ihn zu einem modernen Meister, der immer noch wenig verstanden ist. Klaus H. Carl, Schriftsteller, Professor und Fotograf, ist der Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Er widmet sich gerade dem Bildband Weltgeschichte der Kunst: 180000 v. Chr. -- 2000 n. Chr.

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Published 13 July 2015
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EAN13 9781785250675
Language English
Document size 85 MB

Legal information: rental price per page 0.0022€. This information is given for information only in accordance with current legislation.

Exrait

Chaïm SOUTINE
Autor: Klaus H. Carl
Layout: Baseline Co. Ltd 61A63A Vo Van Tan Street Nam Minh Long, 4. Etage Distrikt 3, HoChiMinhStadt Vietnam
© Confidential Concepts, worldwide, USA © Parkstone Press International, New York, USA ImageBar www.imagebar.com
Weltweit alle Rechte vorbehalten. Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.
ISBN: 9781785250675
Klaus H. Carl
Chaim Soutine
Inhalt
Einleitung Von Smilavichy nach Paris Die ersten Jahre in Paris CagnessurMer und Céret Paris – Die 1920er Jahre Paris – Die erste Hälfte der 1930er Jahre Die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren Gerda Groth MarieBerthe Aurenche Verfolgung und Verhöre Erinnerungen an Chaim Soutine Eine Auswahl der Ausstellungen Biografie Literaturhinweise Abbildungsverzeichnis
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Einleitung
haim Soutine wurde 1893 – in einigen Biografien wird das Geburtsjahr auch nach 1894 verlegt – in dem in der Nähe der Stadt Minsk gelegenen Smilavichy geboren, C einem Dorf im heutigen (oft „Weißrussland“ genannten) Staat Belarus mit zu jener Zeit deutlich weniger als tausend Einwohnern. Dieser Ort Smilavichy lag im damaligen Fürstentum Polozk, einem Siedlungsgebiet der ostslawischen Dregowitschi und der Kriwitzen, die sich bereits im 9. Jahrhundert mit weiteren Stämmen zusammengeschlossen hatten. Dieses Gebiet bildete die Basis des altrussischen Staates, der Kiewer Rus, und gehörte vom 14. bis zum 16. Jahrhundert zum Großfürstentum Litauen. Im 18. Jahrhundert auch als Weißreußen bezeichnet, entwickelten sie nur recht zögerlich und erst im 19. Jahrhundert ein eigentliches Nationalbewusstsein. Dies war umso schwieriger, als das gesamte Gebiet von St. Petersburg aus zentralistisch regiert wurde und massiven Russifizierungsversuchen ausgesetzt war, unter denen vor allem die polnische Oberschicht zu leiden hatte und die so weit gingen, dass der autochthone Dialekt verboten wurde.
In diesem Fürstentum Polozk lag die als Festung gegründete und bereits 1067 erstmals urkundlich erwähnte Stadt Minsk, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zunächst an Litauen und Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge insbesondere der dritten der drei Polnischen Teilungen (1772, 1793 und 1795), an denen Preußen, Russland und Österreich beteiligt waren, mit dem gesamten Staat Belarus an das Russische Reich fiel. Minsk hatte bereits 1499 das Stadtrecht erhalten. Das Stadtbild wies außer der zweitürmigen Kathedrale aus dem Jahr 1611 und drei weiteren christlichen Kirchen und Klöstern auch eine Synagoge und immerhin vierzig jüdische Bethäuser auf – ein Spiegel des hohen jüdischen Bevölkerungsanteils. Minsk ist seit 1919 die Hauptstadt von Belarus.
In der damals wie heute vergleichsweise recht dünn besiedelten Region Minsk lebten viele osteuropäische Juden, die hier ihr traditionelles Handwerk ausübten, das in vielen Familien vom Vater auf den Sohn überging. Diese „Ostjuden“ blieben in ihrem Alltag den überlieferten Lebensgewohnheiten treu und der strengen rabbinischen Orthodoxie verhaftet, deren wesent liche Merkmale sich in der Gemeinschaft des Schtetl, in der jiddischen Sprache und des aus Galizien kommenden und in Osteuropa weit verbreiteten Chassidismus finden. In den Kleinstädten waren die jüdischen Bewohner nicht nur geduldet, sondern trotz zeitweiliger Verfolgungen durchaus akzeptiert. Die stets sehr frommen und konservativen Chassidim streben eine Verinnerlichung des religiösen Lebens an, neigen zur Askese und haben eine enge Bindung an einen „Meister“ (Rebbe) als Gotteslehrer. In der darstellenden Kunst gehört Marc Chagall (18871985) zu den berühmtesten Anhängern der Chassidim.
Selbstbildnis, um 1918. Öl auf Leinwand, 54,6 x 45,7 cm. Henry and Rose Pearlman Foundation, Inc., New York; Dauerleihgabe an das Princeton University Art Museum, Princeton.
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Von Smilavichy nach Paris
ie meisten Gebäude in Soutines Heimatdorf Smilavichy waren eigentlich mehr oder weniger heruntergekommene, von einem oft baufälligen Lattenzaun um ein kleines Grundstück UntDerkunft boten. Unter diesen äußeren Gegebenheiten wurde Chaim Soutine irgendwann – das umgebene Bretterbuden, die den meist recht kinderreichen Familien nur eine dürftige genaue Datum liegt im Dunklen – im Jahr 1893 als zehntes von elf Kindern geboren. Sein Vater Zalman Soutine war ein auch für „ostjüdische“ Verhältnisse ungewöhnlich armer und deswegen von der übrigen Bevölkerung des Schtetl gering geachteter Flickschneider, der seine dreizehnköpfige Familie nur mühevoll ernähren konnte. Er saß, was von der Straße aus zu sehen war, mit unterge schlagenen Beinen wie ein überschlanker, man kann auch sagen: halb verhungerter Buddha auf seinem Arbeitstisch und erledigte, wenn es denn überhaupt eine Kleinigkeit für ihn zu tun gab, seine Flickarbeiten. Chaims sorgengeplagte Mutter war vom harten Leben gezeichnet und sprach nicht nur mit den Kindern sehr wenig. Besonders dann, wenn sie den Brotvorrat für die nächste Woche backen musste, gingen ihr die Kinder nach Möglichkeit weiträumig aus dem Weg, um den ständig drohenden Ohrfeigen auszuweichen. Von seinen strenggläubigen Brüdern, die älter waren als Chaim, ist nur bekannt, dass sie ihn, wenn sie ihn mit einem Zettel oder einem Fetzen Papier in der Hand zeichnend oder skizzierend antrafen oder festgestellt hatten, dass er wieder einmal die Pfosten oder Wände der Hütte bemalt hatte, wegen der damit gegen die orthodoxen religiösen Gebote verstoßenden Tat stets heftig verprügelten. Wie und woher der kleine Chaim sich in dieser Zeit seine Zeichenkreide oder auch seine Zeichenutensilien beschaffte, ist kaum noch festzustellen. Vielleicht hat er sich gelegentlich von seiner Mutter einfach einen Bleistift „entliehen“ und dann schlicht vergessen, ihn zurückzugeben. In der überaus doktrinären Gemeinde waren Malen und Zeichnen strikt verboten, jegliche künstlerische Tätigkeit wurde mit Häresie und Gotteslästerung gleichgesetzt. Chaim versuchte der Prügelei zu entgehen, indem er sich in einem der umliegenden Wälder versteckte und erst wieder nach Hause kam, wenn der Hunger nicht mehr auszuhalten war. Anderes oder gar Positives ist weder über seine Brüder noch über seine Schwestern überliefert.
Auch seine Eltern waren von seinen künstlerischen Neigungen nicht begeistert, schließlich hatte der Vater für ihn eine Tätigkeit als Schneider oder Schuster geplant – selbstverständlich ohne ihn zu fragen und ohne Rücksicht auf seine bereits erkennbaren Neigungen –, eben so, wie es damals üblich war. Über Chaims schulische Entwicklung ist gleichermaßen nichts bekannt. Sie kann aber, wie sich später auch erwies, nicht allzu gründlich gewesen sein, denn der Vater nahm ihn als zehnjährigen für rund zwei Jahre in seiner Werkstatt als Lehrling auf. Aus dieser Zeit des heranwachsenden Jugendlichen stammt aber ein Ereignis, das vermutlich mehr ist als eine Anekdote: Chaim bat eines Tages, er war nun ungefähr 15 Jahre alt, einen ihm bekannten, recht frommen Juden aus seiner Gemeinde, ihm Modell zu sitzen. Der, im Geheimen vielleicht ein klein wenig eitel, ließ sich nicht lange bitten. Allerdings schätzte er die Reaktion seiner strenggläubigen
Cité Falguière bei Montparnasse, um 1918. Öl auf Leinwand, 81 x 54 cm. Privatsammlung, Israel.
Äpfel, um 1916. Öl auf Leinwand, 38,4 x 79,1 cm. The Metropolitan Museum of Art, New York. (S. 1011)
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